Küchenwerkstatt

 

Wenn es mal ein leckeres Häppchen sein soll, ist man hier, im ehemaligen Mühlenkamper Fährhaus, sehr gut aufgehoben. Ich habe bislang nur mittags dort gespeist und nichts bereut - sehr ambitionierte Küche zu moderaten Preisen. Einmal gab es als Tagesgericht Roastbeef mit Bratkartoffeln, wie Roastbeef mit Bratkartoffeln besser kaum sein kann, zum Nachwerfpreis von 7,50 Euro. Ein Drei-Gänge-Menü kostet mittags 21,- Euro (Achtung - inzwischen deutlich teurer!) und bietet einen vielversprechenden Ausblick auf die Abendgerichte. Sehr gut kann die Küche mit Kaninchen umgehen, an meiner Roulade war nichts zu trocken und der Kalbsrücken erwies sich als nahezu göttlich. Fisch ist auch gut! Die handgemachten Nudeln sind sehr zu empfehlen und wenn auf der Karte etwas von Chili oder gar 'scharf' steht, ist das auch so gemeint. Kürzlich versuchte ich die Ravioli mit Calamaretti - wirklich ziemlich gut! Gewagt fand ich als Nachtisch die Creme Brulée vom Ziegenfrischkäse - halt mal was anderes, lebte vom Süß-Salzig-Kontrast.

Man sitzt in nett-gepflegtem Ambiente, zwischen den einzelnen Tischen ist nicht übermäßig viel Platz, aber es reicht. Der Service gleicht gelegentliche Tapsigkeit durch große Freundlichkeit locker aus. Wünschenswert wäre eine aktuelle und keine veraltete Speisekarte im Internet und wünschenswert wäre auch, wenn sich auf der Internetseite im Falle einer 'geschlossenen Gesellschaft' ein entsprechender Hinweis fände - kein Gast steht gern vor verschlossener Tür und auch eine 'Taufe' kündigt sich meistens längerfristig an. ;-)

Insgesamt eine klare Empfehlung - die auch der Gault Millau 2008/09 mit 14 Punkten und Michelin seit 2009 mit einem Stern unterstützen. Aber Geduld mitbringen. Lohnenswert sind auf jeden Fall auch die Kochkurse, die an einigen Sonntagen angeboten werden. Ich habe die 'großen Braten' versucht und bin sehr zufrieden mit Ablauf und Verkostung.

 

Küchenwerkstatt       Internet

Hans-Henny-Jahnn-Weg 1 (Eingang Hofweg)   Tel.   040 - 22 92 75 88

 

nach oben

 

Update

Wer beim Thema Restaurantbesuch in erster Linie den Griechen oder Chinesen um die Ecke denkt, tut sich oftmals schwer damit, es auch einmal mit der gehobenen Küche zu versuchen. Zu teuer, zu vornehm, da wird etwas vom Gast erwartet. Um solcherlei Befürchtungen zu zerstreuen, bietet sich das Mittagsmahl in der Küchenwerkstatt an. Zu teuer ist kein Argument, denn ein kleines Menü, bestehend z.B. aus Gurkensalat mit Joghurtdressing / Forelle Müllerin Art und Marmorkuchen, kostet gerade einmal 12,- Euro, ein Nudelteller wie Sardische Gnocchi/ Kapern/ Zitrone/ Thunfisch wird mit 10,80 Euro berechnet. Der Service ist aufmerksam und sehr nett, jedenfalls nicht 'vornehm' - und erwartet wird vom Gast nur, dass er Hunger mitbringt und vielleicht eine gewisse Offenheit bezüglich der Kreativität und Leichtigkeit auf dem Teller.

Im September 2010 probierten wir mittags MOMENTE DER SAISON zum Preise von 26,- Euro für 3 Gänge - kein Geschenk, aber die Küchenwerkstatt ist immerhin mit einem Michelin-Stern geschmückt. Nach Aufgabe der Bestellung wurden wir mit einem Gläschen Gazpacho begrüßt, dazu gab es hausgebackenes Olivenbrot samt Salz und Jordan-Olivenöl:

 

Der sanft pochierte Lachs kam dann sehr zart, sehr saftig daher, die Mini-Salatblättchen schön würzig. Lakritze war nur verhalten durchzuschmecken, Salz wäre vielleicht besser gewesen. Die kandierte Grapefruit verlieh der Komposition Frische und Fruchtigkeit - ein erfreulicher Auftakt:

Einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt das Design-Besteck. Es sieht zwar höchst originell und zierlich aus, hält sich jedoch wegen der schmalen Abmessungen nicht besonders angenehm in der Hand und lässt sich nicht so richtig gut verwenden.

Einen Loup de Mer kann man besser kaum zubereiten, die Haut sehr knusprig, innen saftig und vollmundig. Das Gemüse, Möhrenschnitze, weiße Bohnen, roh und gegart, mit weißem Balsamico, war knackig und bildete mit der säuerlichen Note eine feine Abrundung. Allerdings sind Bohnen niemals eine echte Offenbarung, und die kleinen Nudeln als Fischunterlage waren es auch nicht:

 

Der Tranche Kalbskarree gebührt jedes Lob, beste Fleischqualität und sehr zart. Die winzigen, eingelegten Zucchini dürften selbst eingefleischte Zucchinifeinde zu Konvertiten machen - die grünen Dinger verwendet man sonst ja nur als geschmacksfreies Füllmaterial für Salate. Gut dazu passten die in Rotwein geschmorten Schalotten, weniger gut die Polenta im Extratöpfchen, die im Mund ein seltsames Gefühl von Milchreis hinterließ:

 

Für den Nachtisch, ein Törtchen mit Alpacoschokolade/ Karamell/ Tahitivanilleeis gibt es eine glatte 2, lecker der Pfirsich, etwas zu dünn im Verhältnis zum kräftigen Schokoladenaroma jedoch dessen Marinade. Gelungen das Nuss-Unterteil des Tortenstücks:

 

Unscheinbar auf weißem Teller wurde der weiße Ziegenkäse naturell mit Gurken-Schalottenmarmelade und ebenfalls weißem Ziegenkäseeis obenauf serviert, nicht eben ein vielversprechender Anblick. Und doch war dieser Gang auf der Zunge eine  Granate, eine wahrhaft köstliche Komposition von würzigem Käse, schwach säuerlicher Marmelade und zartschmelzendem, weichem Eis, traumhaft - und leider viel zu schnell vorbei:

 

Insgesamt eine beachtliche Vorstellung des inzwischen gut eingespielten Teams, die Küchenwerkstatt ist nicht nur für Einsteiger-Gourmets eine klare Empfehlung. Ohne Reservierung geht mittlerweile kaum noch etwas, das gilt auch mittags. Zum Kaffee bekamen wir, übrigens, ausgesprochen schmackhafte und nicht übersüßte Orangenschalen-Marshmallows serviert.

 

Seit Anfang Oktober 2010 wird Mittagstisch nur noch von Mittwoch bis Freitag angeboten, bei drastisch höheren Preisen. Drei Gänge kosten nunmehr 32,- Euro (vorher 26,-), das Lunchtablett 18,- Euro (vorher 12,-). Offensichtlich wirken sich der Michelinstern und der damit ausgelöste Gästeansturm nun preistreibend aus. Teurer als vergleichbare Anbieter ist die Küchenwerkstatt dennoch nicht. Der Gault Millau 2011 vergibt 15 Punkte; das ist kleinlich, zumal auch noch von einem Mittagsmenüpreis von 21,- Euro ausgegangen wird - für so wenig Geld gab es das zuletzt vor zwei Jahren.

 

Im Oktober 2011 lässt sich feststellen, dass man in der Küchenwerkstatt das Kochen nicht verlernt hat. Wir bestellten mittags ein Lunchtablett, das mit 18,- Euro preisstabil geblieben ist. Vorweg bekamen wir als Küchengruß eine Kleinigkeit von der Tomate mit Mozzarella - lecker und angenehm säuerlich, nach mehr schmeckend:


Das Lunchtablett selbst überzeugte dann sowohl hinsichtlich Portionsgröße als auch hinsichtlich Genussfaktor. Es gab einen petersilielastigen, wunderbar leichten Couscous-Salat mit Joghurt, eine angenehm körnige und insgesamt sehr runde Angelegenheit. Hauptsache war eine Brust vom Bauernhuhn mit Schalotten auf Salz gegart samt zerdrückter Kartoffeln mit Olivenöl. Was wohl ein Bauernhuhn sein mag? Bekommt man sonst Wildfänge?
Für die Zubereitung eines gebratenen Huhns braucht man normalerweise keinen mit Sternen geschmückten Koch, aber dem Geschmack ist es durchaus zuträglich. Knusprig, wunderbar saftig und aromatisch - auf den Punkt, als hätte man in der Küche genau gesehen, in welcher Sekunde das Fleisch so gerade eben vollständig weiß war. Sterneküche eben.


Viel Spaß bereitete auch der Nachtisch, mit einer karamellisierten Orangenscheibe und frischen, leicht bitteren Orangenfilets bedeckter Panna cotta im Weckglas.
Der ebenfalls anwesende Genusspapst bildet sich auf seine Panna-cotta-Künste einiges ein, gab aber widerwillig zu, in dieser Version doch seinen Meister gefunden zu haben. Panna cotta ist eigentlich unkompliziert zuzubereiten, aber derart schwerelos-cremig mit exakt ausgewogener Süße bekommt ihn kaum jemand hin.

Nach der Mahlzeit sollte man sich unbedingt einen Kaffee oder Espresso gönnen, einerseits kommt der in sehr überzeugender Qualität, andererseits verpasst man sonst die wirklich köstlichen Petits Fours:


 

Küchenwerkstatt       Internet

Hans-Henny-Jahnn-Weg 1 (Eingang Hofweg)   Tel.   040 - 22 92 75 88


nach oben

 
 
genussgenie.de