Jörg Müller / Westerland (Sylt)


18 Gault-Millau-Punkte? Daran geht der geübte Gourmet nur in echten
Notfällen
vorbei. Wir reservierten also für den Abend, was unnötig war, denn außer
dem
unseren waren nur drei weitere Tische besetzt. Ende März 2010, die
Sylter
Hauptsaison noch nicht in Sichtweite. Man sitzt in gediegen-maritimem
Interieur und fühlt sich wohl. Sobald der Gruß aus der Küche kommt, ein
Longdrinkglas mit fluffigem Möhrenmousse, ein Paprikasüppchen und eine
gebackene Ochsenschwanzpraline, fühlt man sich noch viel besser:

Gänseleber ist als Vorspeise nie verkehrt
und so wählten wir 'Feines' davon. Den
geschmacklichen Vogel schoss der Gugelhupf in Traminergelee ab, gefolgt
von der
Crème brûlée und dem Törtchen mit Bitterschokolade und Pfeffer - ein
Auftakt nach
Maß, beeindruckend, und sicher nicht versehentlich seit Jahren auf der
Karte zu
finden.

Der Gang mit Skrei ('Winter-Kabeljau') und
Hummer war von der Qualität und vom
Aroma her tadellos, aber auch nicht mehr. Zartes Hummerfleisch ist immer
etwas
besonders Feines, lebt vom Produkt selbst, nicht von einer Inspiration
des Kochs.
Insoweit zeigte sich dieses Zweierlei zwar als wohlschmeckend, nicht
jedoch als
sternewürdige Kreation:

Es folgte der Hauptgang, Rücken vom Kalb auf
Morcheln mit Spargel und Nudeln.
Für frische Morcheln gilt das Gleiche wie für Hummer, sie sind an sich
schon eine
Delikatesse, kaum ein Koch wird damit etwas falsch machen können, und so
waren
sie auch hier - einfach köstlich. Der Spargel zeigte sich von seiner
knackigen Seite,
der Klacks Hollandaise von der aromatischen, so weit OK. Ein paar Nudeln
auf dem Teller, da fragt man sich, sind sie besonders saftig oder extrem
aromatisch? Getrüffelt?
Nein, waren sie nicht, es waren stinklangweilige 0/815-Nudeln und als
solche eine
vollkommen überflüssige Sättigungsbeilage.
Das Fleisch kam zwar einigermaßen zart daher, auf meinem Teller innen
leicht
rosa, auf dem Teller meiner Angebeteten mehr ins blutige spielend.
Insgesamt war
dieser Gang so, wie man ihn gut und günstig in etwas besseren
Landgasthöfen
bekommt:

Zartschmelzend und innovativ präsentierte
sich dann immerhin eine himmlisch
leichte Schokocanneloni, die ich zunächst für eine Currywurst gehalten
hatte, als
Nachtisch. Zum Kaffee bekamen wir dann noch einen schönen Teller mit
sehr
netten Petit Fours - und Jörg Müller signierte sein Kochbuch.


Nach allem stellt sich der von seinen
sensitiven Geschmacksknospen überzeugte
Feinschmecker die Frage, wie ein renommierter Restaurantführer darauf
verfallen
kann, hier allen Ernstes auch 2011 volle 18 von 20 möglichen Punkten zu geben - also das
Restaurant Jörg Müller z.B. auf gleicher Höhe mit dem Hamburger Jacobs
zu
verorten. Mit Verlaub, das ist einfach lächerlich! Selbst, wenn man
einen Sylter
Inselzuschlag einrechnet, scheint weder die Bewertung noch die
Preisgestaltung angemessen - um das zu rechtfertigen, müsste die Küche
nicht nur
eine einzige, sondern gleich mehrere Schippen drauflegen.
Nun ist es keinesfalls so, dass Jörg Müller nicht kochen könnte - das
zeigt sich
nebenan eindrucksvoll im Pesel. Dort werden kleine, aromatische und
originelle
Gerichte zu höchst moderaten Kursen feilgeboten. Bei uns kam richtig
Freude auf
und wir haben den 'Pesel' öfter zu unserer vollen Zufriedenheit
aufgesucht:


oben vier
Speiseimpressionen aus dem 'Pesel'
Das Ambiente mag nicht gar so edel sein,
aber man kann sich wohl dort fühlen und
sollte auf jeden Fall - reservieren! Auch in der Nebensaison und auch
mittags. Der positive Eindruck vom Pesel bestätigte sich auch im März
2011, für 30,- Euro gab es ein kleines Menü inklusive Wein:

Die Maultaschen - oftmals ja nur ein
fettig-fades Nichts - überzeugten durch Geschmacksfülle:

Der leicht warme Salat war an einigen
Stellen zu sauer, weil jemand den Essig ungleichmäßig verteilt hatte,
aber sonst ein Kracher:

Sehr überzeugend die vollmundigen
Schollenfilets, die nicht erst durch Speck oder dergleichen aufgepeppt
werden mussten. Echte Spitzenqualität auf den Punkt gebraten! Das
Kartoffelmus kam sehr massiv daher und überraschte, so seltsam das
klingen mag, durch ein sehr deutliches Kartoffelaroma. Der
köstlich-zarte Blattspinat könnte selbst einen militanten Spinathasser
zum überzeugten Konvertiten machen:

Wunderbar zart und doch geschmacksintensiv
das Ragout vom Zicklein:

Bei der Grütze zum Nachtisch fiel auf, dass
man den Früchten ihre leichte Säuerlichkeit gelassen hatte, so dass sie
einen beeindruckenden Gegensatz zum süßen Vanilleschaum bildeten - ein
krönender Abschluss!
Jörg Müller
Süderstrasse 8
25980 Westerland
Telefon 04651 27788